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Artikel, erschienen in Die Welt, am 25.11.2006

Nerven und gute Laune behalten

Bei Firmenfusionen sollten Mitarbeiter sich einbringen. Jedes Unternehmen m├Âchte die besten Mitarbeiter halten. Vielleicht ist das neue Arbeitsgebiet sogar spannender.

Von Henning Zander

Als am 19. Juni dieses Jahres Siemens und Nokia verk├╝ndeten, ihre Netzwerksparten zusammenzulegen, schoss noch am selben Tag der Kurs der Siemensaktie um sechs Prozent in die H├Âhe. "Wir schaffen ein neues Powerhouse", verk├╝ndeten Siemens-Chef Klaus Kleinfeld und Nokia Vorstandschef Olli-Pekka Kallasvuo. Etwa 9000 der insgesamt 60 000 Besch├Ąftigten sollen w├Ąhrend des Fusionsprozesses in Finnland und Deutschland entlassen werden.

"Wenn sich Nokia und Siemens zusammenschlie├čen, hat das erst einmal ├╝berhaupt keine Auswirkung auf die Arbeitsvertr├Ąge", sagt Peter Groll, Fachanwalt f├╝r Arbeitsrecht in der Kanzlei Groll und Partner in Frankfurt. Eine Fusion sei kein K├╝ndigungsgrund. "Aber in der Praxis kann nat├╝rlich ein Standorte geschlossen und Personal abgebaut werden."

Mitarbeiter tun also gut daran, die Vorlaufzeit von der Ank├╝ndigung bis zur Umsetzung einer Fusion f├╝r sich zu nutzen. "Man sollte sich Zeit widmen und sein Netzwerk aus Freunden, Verwandten, ehemaligen Kollegen reaktivieren", r├Ąt Winfried Berner, Unternehmensberater und Autor des Buches "Bleiben oder Gehen - Ihre pers├Ânliche Erfolgsstrategie bei Fusionen, ├ťbernahmen und Umstrukturierungen". Jeder dieser Kontakte k├Ânnte in der schwierigen Zukunft hilfreich sein. Besonders die Familie sollte darauf vorbereitet werden, dass man ├╝ber das n├Ąchste Jahr unter hohem Druck stehen wird und nur wenig gemeinsame Zeit bleiben wird.

Fusionen sind f├╝r die Mitarbeiter eine starke Belastung, auch im Fall von Nokia und Siemens. Zwar bejubelten Analysten die beschlossene Zusammenarbeit der beiden Konzerne. Die Belegschaft sieht die Situation jedoch differenziert: "Nat├╝rlich ist die Stimmung eher tr├╝be nach dem angek├╝ndigten Stellenabbau", sagt Alexander Klaus, der f├╝r die Netzwerksparte in M├╝nchen arbeitet und seinen richtigen Namen nicht nennen m├Âchte. "Aber es w├Ąre sowieso abgebaut worden, auch wenn wir weiter unter dem Dach von Siemens gearbeitet h├Ątten." Die Gr├Â├če des neuen Nokia-Siemens-Networks lasse hoffen, dass durch die bessere Position auf dem Markt die ├╝brigen Arbeitspl├Ątze sicherer sind. "Mit Nokia sind wir eher ├╝berlebensf├Ąhig", sagt Klaus, der die l├Ąngste Zeit seines Berufslebens bei Siemens gearbeitet hat.

Es hilft nicht, sich ├╝ber die Situation zu beklagen. Ist die Fusion einmal beschlossen, sollte man sich soweit wie m├Âglich am Integrationsprozess beteiligen, r├Ąt Autor Berner. Es sei nicht nur f├╝r das psychische Gleichgewicht wichtiger, aktiv zu gestalten, als etwas passiv hinzunehmen. "Es ist sogar m├Âglich, dass man dem Management zum ersten Mal auff├Ąllt - mit positiven Effekten f├╝r die weitere Karriere." Ziel der Unternehmensf├╝hrung k├Ânne es schlie├člich nicht sein, die besten Leute im Fusionsprozess zu verlieren.

Dennoch ist nat├╝rlich das vorrangige Ziel, die Erzeugung von Synergien, mit Personalabbau verbunden. Dabei bedienen sich Unternehmen verschiedener Eskalationsstufen, sagt Arbeitsrechtler Groll. "In der Praxis setzt sich die Unternehmensf├╝hrung mit dem Betriebsrat zusammen und beschlie├čt einen Interessenausgleich und einen Sozialplan." Im Interessenausgleich wird geregelt, ob und wann es zu Umstrukturierungen kommt und wie diese umgesetzt werden. Im Sozialplan soll ein Ausgleich f├╝r die wirtschaftlichen Nachteile der Mitarbeiter gefunden werden, die durch die betrieblichen ├änderungen herbeigef├╝hrt werden. Dort werden auch Abfindungen bei Entlassungen geregelt. Eine weitere Stufe ist es, einzelnen Mitarbeitern einen Aufhebungsvertrag anzubieten. Geht der Mitarbeiter darauf nicht ein, ist das letzte Mittel die betriebsbedingte K├╝ndigung. "Es ist nicht einfach f├╝r die Unternehmen, so eine K├╝ndigung zu begr├╝nden und dies auch vor Gericht durchzusetzen. Die Me├člatte ist daf├╝r sehr hoch", sagt Groll.

Seit Jahrzehnten habe es Managementfehler gegeben, sagte Siemens-Konzernbetriebsratschef Georg Nassauer am Tag als die Fusion bekannt gegeben wurde. Die gro├čen Themen Mobilfunk und Internettelefonie seien "verschlafen" worden. Ein wenig hofft die Belegschaft, dass mit den Finnen ein neuer Wind einzieht. "Eigentlich w├╝nschen sich viele eine neue Unternehmenskultur. Denn seit Jahren kommt das Gesch├Ąft nicht in die G├Ąnge, seit Jahren wird Personal abgebaut und jetzt auch noch der Unternehmensteil Com abgetreten. Das ist keine gute Bilanz f├╝r das derzeitige Management", sagt der Siemensianer Alexander Klaus. Am 1. Januar 2007 soll der Fusionsprozess abgeschlossen sein. Bis beide Unternehmen allerdings wirklich zusammengewachsen sind, wird deutlich mehr Zeit vergehen. Denn noch sehe man die finnischen Kollegen als Konkurrenten, sagt Alexander Klaus. "Das wird mindestens solange anhalten, wie nicht klar ist, wer welche Produkte herstellen wird. Und solange die Arbeitspl├Ątze abgebaut werden. Denn man muss es ja mal so sehen: Jeder Arbeitsplatz, der in Finnland gestrichen wird, ist einer mehr in Deutschland."

Vor den Folgen einer Fusion k├Ânne sich kein Arbeitnehmer sch├╝tzen, sagt Arbeitsrechtler Groll. Aber man k├Ânne sich taktisch geschickt zu verhalten. "Wenn man ins B├╝ro geladen wird und dort mit der neuen Situation konfrontiert wird, man wolle sich von ihm trennen, oder er solle eine andere niedriger entlohnte Stelle einnehmen, dann sollte man keine falschen Signale setzen: Nichts unterschreiben, kein Interesse bekunden." Denn sonst bringe man sich f├╝r weitere Verhandlungen in eine schlechte Ausgangslage.

Wenn eine Firma erst einmal beschlossen hat, sich von einem Mitarbeiter zu trennen, sollte dieser sich um die bestm├Âglichen Konditionen bem├╝hen. Grunds├Ątzlich hat er keinen Anspruch auf eine Abfindung, es sei denn, sie ist im Sozialplan vereinbart. Aber wenn klar ist, dass das Unternehmen ihn unter keinen Umst├Ąnden weiterbesch├Ąftigen wird und ebenfalls klar ist, dass eine betriebsbedingte K├╝ndigung keinen Bestand haben wird, stehen die Chancen auf eine Abfindung gut. Bevor der Gek├╝ndigte jedoch in Verhandlungen mit seinem Arbeitgeber tritt, sollte er sich rechtlich beraten lassen.



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